Nach den Ergebnissen klinischer Studien können Probiotika womöglich Schutz vor Atopien bieten - am besten gezeigt wurde dies in ersten Untersuchungen für einzelne Laktobazillus-Stämme.
Hygiene-Theorie: Weniger Infektionen in jungen Jahren fördern Allergie-Risiko

Wie Dr. S. T. Weiss vom Channing Laboratory in Boston, USA, in einem Editorial des New England Journal of Medicine betont, ist der Zusammenhang zwischen der Häufigkeit frühkindlicher Infektionen und dem Allergie-Risiko noch nicht vollständig bekannt. Diskutiert wird jedoch beispielsweise, dass wegen der geringeren antigenen Stimulierung die Spiegel regulatorischer Zytokine abnehmen - besonders von IL-10 (Interleukin 10) und vermutlich auch von TGF-beta (transforming growth factor beta). Beide Zytokine wiederum sind an der Regulierung von Th1- und Th2-vermittelten Immunreaktionen beteiligt.
Natürliche Darmflora ist wichtigster Gegenspieler von allergischen Reaktionen
Andere Wissenschaftler, wie die Arbeitsgruppe um die Pädiater Dr. M. Kalliomäki und Dr. E. Isolauri von der University of Turku in Finnland, vertreten demgegenüber die Ansicht, bei der Prävention von Atopien würde die Darmflora die entscheidende Rolle spielen. Ihre Begründung: Da eine ausgewogene Darmflora verschiedene potenziell antiallergene Prozesse unterstütze und die Konfrontation mit Antigenen unmittelbar nach der Geburt beginne, sei die mikrobielle Besiedelung vermutlich der wichtigste Gegenspieler der Th2-dominierten Immunreaktionen bei Feten und Neugeborenen.
Da sich die Zusammensetzung der Darmflora durch die Gabe von Probiotika stabilisieren lässt (s. auch
Probiotika), ist in den letzten Jahren das Interesse daran gestiegen, Probiotika zur Allergieprävention und -therapie einzusetzen
Laktobazillus-Stamm halbiert Risiko eines atopischen Ekzems
Kalliomäki/Isolauri und Kollegen konnten zeigen, dass eine frühe Behandlung mit einem probiotischen Laktobazillus-Stamm das Risiko eines atopischen Ekzems halbiert. An ihrer in Lancet publizierten Studie nahmen 132 Schwangere mit familiärer Vorbelastung teil: Alle Frauen hatten mindestens einen Verwandten ersten Grades oder einen Partner, der mit einer atopischen Erkrankung belastet war. Sie erhielten in den letzten zwei bis vier Wochen vor der Geburt randomisiert und doppelblind täglich entweder zwei Kapseln mit dem Laktobazillus-Stamm oder Placebo. Nach der Geburt bekamen die stillenden Mütter oder ihre Neugeborenen die Kapseln (bzw. deren Inhalt) für weitere 6 Monate.
Durch die Behandlung konnte bei den Kindern das Risiko, an einem atopischen Ekzem zu erkranken, signifikant reduziert werden: Während in der Probiotika-Gruppe im Alter von 2 Jahren nur 23% (15/64) der Kinder die Allergie hatten, waren in der Placebo-Gruppe 46% (31/68) betroffen (p=0,008). Wie eine Subanalyse mit 62 Frauen ergab, nahm durch die Probiotika-Einnahme das immunprotektive Potenzial der Muttermilch zu: Deren TGF-beta2-Spiegel lagen in der Probiotika-Gruppe bei 2.885 pg/ml, in der Plazebo-Gruppe hingegen bei 1.340 pg/ml. Darüber hinaus zeigte sich, dass vor allem die Kinder profitierten, die erhöhte IgE-Werte im Nabelschnur-Blut hatten.
Eine weitere Auswertung 2 Jahre später belegte schließlich, dass der schützende Effekt über 4 Jahre anhielt: Zu diesem Zeitpunkt hatten 26% (14/53) der Kinder in der Probiotika- und 46% (25/54) in der Placebo-Gruppe ein atopisches Ekzem.
Auch andere Laktobazillus-Stämme schützen vor atopischer Dermatitis
Die Arbeitsgruppe um Prof. Dr. V. Rosenfeldt von der University of Copenhagen, Dänemark, hatte 43 Kindern im Alter zwischen 1 und 13 Jahren mit moderater bis schwerer atopischer Dermatitis in einem randomisierten, doppelblinden Design für jeweils 6 Wochen entweder eine Mischung aus den beiden Stämmen L. rehamnosus 19070-2 und L. reuteri DSM 122460 (s. auch
L. reuteri)oder Placebo gegeben. Die topische Kortikosteroid-Therapie wurde beibehalten, eine systemische Behandlung war nicht erlaubt.
Während nach der aktiven Therapie 56% der Eltern angaben, das Ekzem ihres Kindes hätte sich verbessert, war dies nach der Placebo-Gabe nur bei 15% der Fall (p=0,001). Das Ausmaß des Ekzems konnte durch das Probiotikum von durchschnittlich 18,2% auf 13,7% reduziert werden (p=0,02, standardisiertes Scoring-System: SCORAD). Besonders ausgeprägt war der positive Effekt bei Kindern mit positivem Hauttest und erhöhten IgE-Spiegeln.
Probiotika entwickeln verschiedene antiallergene Effekte im Gastrointestinaltrakt
Nach dem derzeitigen Verständnis können probiotische Bakterien-Spezies auf verschiedenen Wegen vor Allergien schützen: Sie vermindern eine erhöhte intestinale Permeabilität und unterstützen die Barrierefunktion des Darms, indem sie das Mikromilieu positiv beeinflussen. Außerdem stimulieren sie Darm-spezifische IgA-Immunantworten, welche eine essenzielle Komponente der mukosalen Immunabwehr darstellen. Schließlich fördern Probiotika die Freisetzung von IL-10 und TGF-beta. Letzteres trägt maßgeblich zur Suppression der Th2-vermittelten, allergischen Reaktion und zur Induktion der oralen Toleranz bei.
Da diese Mechanismen auch bei Nahrungsmittelallergien eine Rolle spielen, gehen Dr. P. V. Kirjavainen und Kollegen von der University of Turku in Finnland davon aus, dass Probiotika auch beim Management dieser Immunstörung positive Effekte entwickeln können. Klinische Daten zu diesem Einsatzgebiet sind derzeit allerdings noch rar.