Der aus Muttermilch isolierte Lactobacillus reuteri erfüllt alle Anforderungen, die an ein Probiotikum gestellt werden: Die Sicherheit des Keimes wurde vielfach bestätigt, insbesondere bei Kleinkindern. Das apathogene Bakterium ist in den handelsüblichen Darreichungen stabil, siedelt sich im Darm an und überlebt dort. Seine positiven Effekte wurden in klinischen Studien sowohl in der Prophylaxe als auch in der Therapie verschiedener Erkrankungen belegt. Eine wichtige Rolle scheint hierbei die Produktion der antimikrobiellen Substanz Reuterin zu haben.

Der nach seinem Entdecker Gerhard Reuter benannte Lactobacillus reuteri (L. reuteri) wurde 1980 als eigenständige Spezies anerkannt. Er konnte inzwischen aus einer Vielzahl von Lebensmitteln, insbesondere Milchprodukten, isoliert werden, doch sein wichtigster Lebensraum scheint der Gastrointestinaltrakt zu sein. Er scheint eine dominante Rolle unter den Enterolaktobazillen zu spielen, denn in Isolaten von verschiedenen Wirten war er jeweils die Hauptkomponente der Lactobacillus-Spezies.
Wie Untersuchungen mit Schweinen ergaben, lässt sich L. reuteri bereits bei Neugeborenen im Gastrointestinaltrakt finden, wenn diese gesäugt werden. Der Keim gelangt über die Muttermilch in den Darm und siedelt sich hier an. Bekommen die Ferkel hingegen von Anfang an Ersatznahrung, ist die Wahrscheinlichkeit einer Kolonisierung mit dem Keim deutlich geringer. Auch bei Menschen wird L. reuteri durch vaginale Geburt und Stillen von der Mutter auf das Neugeborene übertragen (s. auch Probiotika).
Wirkungsweise des L. reuteri
L. reuteri entfaltet in der Darmflora sehr unterschiedliche Effekte. Eine besondere Bedeutung hat die Synthese und Freisetzung von Reuterin, einem Metaboliten, der durch Dehydratation von Glycerol entsteht. Die Substanz hemmt das Wachstum von gramnegativen und grampositiven Bakterien, Hefen, Pilzen sowie Protozoen und verdrängt somit pathogene Keime im Darm. Des Weiteren kann L. reuteri zur Freisetzung von Milch- und Essigsäure führen, zwei weiteren Substanzen mit antimikrobieller Aktivität. Schließlich produziert das Bakterium auch H2O2 und Bakteriozine (spezielle Stoffwechselprodukte, die auf nahestehende Bakterienarten antibiotisch wirken). Gegenüber notwendigen, natürlich vorkommenden Bakterien der Darmflora entwickelt L. reuteri hingegen keine hemmenden Effekte.
Neben seiner balancierenden Wirkung auf die Darmflora hat L. reuteri und/oder seine Produkte vermutlich auch Effekte auf die mukosale Immunität. So ergaben verschiedene Studien, dass der Keim die Translokation eines Mikroorganismus vom Darm in den Extraintestinal-Bereich verhindern kann. Viele Fragen zum genauen Wirkmechanismus sind zwar noch offen, aber es gibt bereits einige Tierversuche, die erste Anhaltspunkte liefern.
Demnach kann L. reuteri:
• bestimmte Pathogene daran hindern, sich an der Mukosa festzusetzen und Krankheiten auszulösen
• besonders im Ileum die Entwicklung der Villi stimulieren
• in der Lamina propria des Ileum das Verhältnis von CD4+ (T-Helfer)-Zellen zu CD8+ (T-Killer)-Zellen vergrößern (was wiederum womöglich die Proliferation der Epithelialzellen stimuliert)
• humorale Immunreaktionen unspezifisch unterstützen
• die Zytokinexpression in der Darmmukosa positiv beeinflussen
Sicherheit von L. reuteri auch bei Kindern belegt
Inzwischen stehen für L.-reuteri-Spezies orale Darreichungsformen zur Verfügung, die in klinischen Studien überprüft worden sind. Die Studien erfolgten mit dem L.-reuteri-Stamm SD2112, der ursprünglich aus der Milch einer stillenden Mutter isoliert wurde.
Die erste Studie zur Überprüfung Sicherheit für Kinder erfolgte 1995. An ihr nahmen Kinder im Alter zwischen 6 und 36 Monaten teil, die wegen eines milden bakteriellen oder viralen Infektes in eine Klinik eingewiesen worden waren. Die jungen Probanden erhielten in 4 Gruppen für jeweils 5 Tage eine von insgesamt drei L. reuteri-Dosierungen, die zwischen täglich 1-3 x 108 und 1 x 1010 koloniebildenden Einheiten (cfu) lagen oder ein Placebo (Kontrollgruppe). Die Gabe des Probiotikums hatte keine Nebenwirkungen und das Ergebnis war eine gute Kolonisierung des Darms in allen 3 Gruppen.
In einer 2. Studie hatten 72 Kinder im Alter zwischen 12 und 36 Monaten in 3 Gruppen eine Probiotika-Mischung (L. reuteri, L. acidophilus, Bifidobacterium animalis) von täglich 106, 108 oder 1010 cfu oder ein Placebo erhalten. Auch hier wurden die Probiotika gut vertragen. Außerdem konnte für L. reuteri eine gute Kolonisierung im Darm nachgewiesen werden.
Auch bei 90 Neugeborenen, die über 28 Tage doppelblind und randomisiert täglich 105, 107 oder 109 cfu L. reuteri bzw. Placebo erhielten, traten keine Nebenwirkungen auf. Das gleiche gilt für eine Studie mit 60 Neugeborenen im Alter zwischen 3 und 65 Tagen, denen mit einer Milchnahrung doppelblind und randomisiert über 60 Tage entweder Bifidobacterium lactis oder L. reuteri gegeben wurde (die 3. Gruppe erhielt kein Probiotikum).
Klinische Studien zeigen Wirksamkeit von L. reuteri
Auch zur Wirksamkeit von L. reuteri liegen klinische Studien vor. Sie liefern Hinweise auf positive Effekte des Probiotikums bei der Behandlung von
Durchfallerkrankungen , bei der Prophylaxe von
Karies, bei der Prävention von
Allergien und
immunmodulatorische Effekte.